Deutscher Kolonialismus: Erinnerung und Dialog
Reader für die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses und des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit des Deutschen Bundestags
(in Kooperation mit DEPO Deutschland Postkolonial)Das Thema der europäischen und deutschen Kolonialgeschichte gewinnt aktuell in der öffentlichen Diskussion an Bedeutung Auch der deutsche Bundestag hat in den letzten Monaten und Jahren den deutschen Kolonialismus in seiner historischen Ausprägung und seinen aktuellen Bezügen zu politischer Verantwortung und ethisch-moralischer Wiedergutmachung thematisiert. Verschiedene Jahrestage, die in afrikanischen Staaten begangen werden, werfen Fragen auf, deren Beantwortung einen Dialog zwischen Deutschland und den politischen Nachfolgern der ehemaligen Kolonialgebiete einfordern.
Tanzania-Network.de e.V. und Deutschland Postkolonial e.V. engagieren sich neben anderen zivilgesellschaftlichen Gruppen in Deutschland für Dialog und Versöhnung mit den Menschen aus den ehemaligen deutschen Kolonien. Wir möchten Ihnen diesen Reader als einen Überblick über die grundlegenden historischen und politischen Fakten des deutschen Kolonialismus anbieten. Wir bitten Sie als Mitglieder des Deutschen Bundestages, sich in Ihren Fraktionen und in der Öffentlichkeit für eine Aufarbeitung dieses Bestandteils der deutschen Geschichte und für einen gleichberechtigten Dialog einzusetzen.
In den Jahren 2004 und 2005 erlangte das Thema des deutschen Kolonialismus vorübergehend öffentliche Aufmerksamkeit. Damals jährten sich der Völke rmord an den Herero in Namibia und der Maji-Maji-Krieg in Tansania zum 100. Mal. Die Aufarbeitung der deutschen Kolonialgeschichte und der aufrichtige Umgang mit der eigenen, schwierigen Vergangenheit sind eine Grundvoraussetzung für die Versöhnung mit den Menschen in den Ländern der ehemaligen Kolonien.
Der folgende kurze Abriss soll zeigen, dass unsere koloniale Vergangenheit bis heute nachwirkt. Die Grundsteine des kolonialen Systems wurden von den Deutschen gelegt und sind noch heute im Bewusstsein der Bevölkerung verwurzelt. Deutschland trägt somit eine historische Verantwortung, nicht nur gegenüber Namibia und Tansania, sondern gegenüber allen ehemaligen Kolonien. Diese Verantwortung offiziell anzuerkennen und sich der Geschehnisse zu erinnern ist der notwendige erste Schritt, der von der Bundesregierung gefordert ist.
Die Ausübung von kolonialer Herrschaft prägte die kolonisierende Gesellschaft ebenso massiv wie die kolonisierte Gesellschaft. Denken, Handeln und Wahrnehmungen entspringen oft einem kolonialen Diskurs, der einen Teil der Weltbevölkerung als die qualitativ „Anderen“ definierte, weiterhin definiert und oftmals in rassistischer Weise deklassiert. Klischeehafte Zuschreibungen von Abendland und Morgenland, Erster und Dritter Welt, dem Westen und dem Rest‘ prägen die Wahrnehmung unserer postkolonialen Weltordnung.
Die dekolonisierten Länder traten ihre politische Unabhängigkeit mit einem kolonialen Erbe an. Formen der sozialen Ungleichheit, interne Konflikte und geringes weltpolitisches und –wirtschaftliches Gewicht sind Aspekte von Strukturen, die sich in der kolonialen Phase herausbildeten und heute weiterwirken.
Wir fordern daher
- eine Verurteilung des deutschen Kolonialismus und seiner Ideologie durch den deutschen Bundestag,
- einen gleichberechtigten Dialog mit den Menschen in den entsprechenden Ländern, der Möglichkeiten einer Wiedergutmachungsleistung Deutschlands beinhaltet,
- den angemessenen Umgang mit unrechtmäßig überführten Gebeinen und Kunstgegenständen,
- die Rücknahme von Ehrungen kolonialer Eroberer/ Eroberungen durch die Umbenennung bzw. Kommentierung von Straßen und Plätzen
- die Reflexion unseres Geschichtsbildes und die aktive Auseinandersetzung mit Rassismus als verbindlichen Bestandteil des Unterrichts in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen,
- die nachhaltige Etablierung einer Erinnerungs- und Versöhnungspolitik als Grundlage einer Entschuldigung durch den Deutschen Bundestag,
- die Bereitstellung der notwendigen finanziellen Mittel zur Erreichung dieser Ziele.
Berlin, 2008
Deutscher Kolonialismus: Erinnerung und Dialog. Reader für die Mitglieder des Auswärtigen Ausschusses und des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit des Deutschen Bundestags
HABARI -
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