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Walter Rodney "Wie Europa Afrika unterentwickelte" /Rezension von Henriette Seydel  

Der Klassiker „How Europe Underdeveloped Africa” (1972) von Walter Rodney wurde neu aufgelegt. Der guyanische Historiker und Vordenker des Panafrikanismus schrieb sein bekanntestes Werk in Tansania während der Ujamaa-Zeit, als Daressalam ein zentraler Ort der afrikanischen Dekolonisierungsbewegungen war. Während die deutsche Version von 1973 mit dem irreführenden Titel „Afrika – Die Geschichte einer Unterentwicklung“ stark gekürzt veröffent wurde, scheint nun der vollständige Text in neuer Übersetzung. 

Zu Beginn stehen drei Beiträge von Bafta Sarbo, Peluola Adewale und René Arnsburg, die sich mit dekolonialem (Klassen-)Kampf und aktuellen anti-imperialistischen Diskussionen auseinandersetzen.  

Korruption, Ausbeutung, Ungleichheit.  Rodney argumentiert, dass Unterentwicklung kein Zufall ist, sondern das Ergebnis kapitalistischer, imperialistischer und kolonialistischer Ausbeutung. Seine 50 Jahre alte Analyse der globalen Mechanismen von Über- und Unterentwicklung bleibt erschreckend aktuell. Die Leser*innen erfahren komplexe Zusammenhänge der politischen Ökonomie der Ausbeutung, der Entstehung des bis heute unfairen Welthandels und ungleicher Besitzverhältnisse. Afrikanische Länder sollten Arbeiter*innen und Rohstoffe liefern, jedoch keine Industrie oder Kapitalbesitzer*innen hervorbringen. 

Der Wissenschaftler beleuchtet außerdem präkoloniale Kulturgeschichte und zeigt die Ver!echtungen von Sklaverei und Kolonisierung auf – jenseits vereinfachender Täter-Opfer-Dichotomien oder Monokausalitäten. Für den linken Intellektuellen, der 1980 durch einen Sprengstoffanschlag der guyanischen Armee ermordet wurde, bildet die Kapitalismuskritik den  wichtigsten Orientierungsrahmen. 

Auf 418 Seiten präsentiert der Autor detailreich sein fundiertes Wissen und betrachtet sowohl das Große Ganze als auch lokale Fallbeispiele – für Liebhaber*innen eines knappen Schreibstils womöglich ein Kritikpunkt. Darüber hinaus mag der eine oder die andere den marxistischen Argumenten Rodneys nicht zustimmen oder zu anderen Schlüssen kommen. Dennoch beziehungsweise deswegen bietet das ambitionierte Meisterwerk reichlich Diskussionsstoff und ist – gerade für mich als Weiße Deutsche – eine notwendige Horizonterweiterung. Trotz ihres beträchtlichen Alters bleibt Walter Rodneys nach wie vor  relevante Studie somit ein wertvoller Beitrag zur Auseinandersetzung mit der ungleichen Globalgeschichte. 

Die Lektüre motiviert zu Elitenkritik und dekolonialem, antirassistischem Engagement.  

Die Rezension erschien zuerst im HABARI „Arbeit“, 2_2024  

Walter Rodney "Wie Europa Afrika unterentwickelte", Manifest Verlag, Berlin 2023, ISBN 978-3-96156-126-1, 418 Seiten, 20,00 Euro