Buchbesprechung Susan Arndt, Lann Hornscheidt (Hg.)
Afrika und die deutsche Sprache – ein kritisches Nachschlagewerk ISBN: 978-3-89771-424-3. Unrast Verlag, 3. Au!age, 2018, 264 Seiten, 16,00 €
Eine Rezension von Gina Krebs
Entgegen vieler Aufassungen bedeutet Kolonialismus längst nicht Vergangenheit, sondern wird durch Sprache aufrechterhalten. Das zeigt sich in vielen alltäglichen Begriffen – selbst an international angesehenen Institutionen wie etwa Universitäten. Die Projektidee für das Buch „Afrika und die deutsche Sprache – ein kritisches Nachschlagewerk“ geht auf die Initiative Schwarzer Studierender am Seminar für Afrikawissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin zurück. Die Ideengeber*innen kritisierten unermüdlich den unre"ektierten Gebrauch rassistischer Vokabeln und Ausdrucksweisen an ihrer Ausbildungsstätte und machten darauf aufmerksam, das Zusammenwirken von Rassismus und Wissensproduktion müsse durch Sprache und Macht aufgearbeitet werden. Schon im Prolog stellt ein Zitat des Romanisten und Politikers Victor Klemperer fest, dass Rassismus nach wie vor durch Sprache entsteht und weiterhin wirkt: „Worte können sein wie winzige Arsendosen. Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“
Die Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch den ersten Teil des Buches. Die Herausgeberinnen stellen klar heraus, unter welchem Verständnis von Rassismus sie arbeiten. Sie erläutern, dass entsprechende Diskriminierung oftmals nicht direkt erkennbar ist, sondern auch unterschwellig oder unbewusst zum Vorschein kommt. Dabei werden verschiedene Muster aufgedeckt, etwa sogenannte Strategien der Ablehnung wie „Ich habe es doch nicht so gemeint“ (S.24) bis zum Ausdruck von Rassismus ohne rassistische Begri!e. Damit bewegen sich die Herausgeberinnen auf dem Gebiet der Postcolonial Studies und der „Critical Whiteness“ und beweisen, dass hinter ihrer Arbeit mehr steckt als ein linguistischer Streit um Wörter und ihre Bedeutungen.
Dies zeigt sich auch im Hauptteil des Buches, der 32 Begri!e einer kritischen Durchsicht unterzieht. Dabei berufen sich die Autor*innen nicht nur auf Wörterbücher und Lexika, sondern betten die einzelnen Wörter jeweils in einen diskursiven Kontext ein. Beschrieben werden insgesamt acht Aspekte, die bei kritischer Betrachtung der Bezeichnungen einfließen können: beispielsweise ihre historische Herleitung oder die Assoziation der Sprechenden. Obwohl ich die Idee sehr begrüße und man so noch weiter von einem linguistischen Streit in die Tiefe einer gesellschaftlichen Debatte übergeht, finde ich die praktische Umsetzung an einigen Stellen noch nicht ganz ausgereift. So sind die Aspekte teilweise zu kompliziert ausformuliert (z.B. Aspekt drei: „Interpretation von Wortzusammensetzungen und Redewendungen zur Bewusstmachung von Konnotationen des Begri!es sowie zur Illustration, wie rassistische Begriffe in Komposita und Redewendungen breite Verwendung finden“). Leichter wäre es gewesen, die Aspekte in einfachen Fragen zu formulieren, wie es beim sechsten Aspekt ansatzweise umgesetzt wurde (Analogietest: Wäre Übertragung auf den deutschen/europäischen Kontext bzw. Weiße möglich?).
Das Werk wird dem Ansatz gerecht, zum Nachdenken über den eigenen Sprachgebrauch anzuregen und zeigt anhand zahlreicher Fallbeispiele auf, dass Rassismus durch Sprache keine Seltenheit in unserem alltäglichen Leben darstellt – ob bewusst oder unbewusst, gewollt oder ungewollt, direkt oder unterschwellig. Die Autor*innen geben als sprichwörtliches „Tüpfelchen auf dem i“ ihren Leser*innen ein Instrumentarium an die Hand, um selbst aktiv zu werden und sich an einer kritischen Textanalyse zu versuchen. Darüber hinaus wird weiterführende Literatur empfohlen. Positiv hervorzuheben ist der Aufruf im Prolog, sich an zukünftigen Arbeiten zu kritischen Nachschlagewerken deutscher Sprache in Bezug auf den Globalen Süden zu beteiligen. Empfehlenswert ist das Buch jedenfalls – sowohl für Einsteiger*innen als auch für Fachleute.