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Buchempfehlung Abdulrazak Gurnah "Ferne Gestade" - zu sehen ist das Buchcover

Englisch: London, Bloomsbury 2001, ISBN 978-0-7475-5785-2, 245 Seiten

Deutsch: München, Penguin 2022, ISBN: 978-3-328-60260-6

Buchtipp: Abdulrazak Gurnah: By the Sea von Dr. Christel Kiel

Dr. Christel Kiel lebte 14 Jahre in Tansania. Von 1986 bis 1999 teilte sich die Pastorin mit ihrem Mann Arnold eine Stelle in der Maasai-Mission und am theologischen College bei Moshi. Rezension erschienen in HABARI 2021/04: "Partnerschaften - miteinander auf Augenhöhe?", S. 51 und 52

„By the Sea“, geschrieben 2001, ist wohl der sechste von zehn Romanen, die Abdulrazak Gurnah verfasste. Die Geschichte beginnt in England, wo der Autor den größten Teil seines bisherigen Lebens verbrachte: Ein Asylsuchender, der so tut, als verstünde er kein Englisch, landet in London. Mieses Wetter, ein wohlwollender Einreise-Beamter, eine unmögliche Unterkunft, aber Rachel, die nette, getreue Sozialarbeiterin, verschafft ihm eine einfache, aber eigene Wohnmöglichkeit, in welcher er in größter Zurückgezogenheit lebt. Der Eingereiste nennt sich Rajab Shaaban, was aber erst nach 40 Seiten verraten wird. „Das ist nicht mein richtiger Name“, erklärt „Rajab“. Rachel verspricht, ihn mit Latif Mahmud, einem Landsmann, in Kontakt zu bringen. „Rajab“, der endlich seine Englischkenntnisse zugibt, horcht auf. „Sie kennen ihn?“, fragt Rachel.

Es folgen Rückblicke auf „Latifs“ Jugendzeit in Sansibar, sein Studium in Uganda und das Stipendium in der damaligen DDR. Auch er trägt einen falschen Namen und vermutet hinter „Rajab“ einen Verfolger aus der Heimat. Erst nach vielen Wochen nimmt „Latif“ Kontakt zu dem Neuankömmling auf. Die verwickelte Familiengeschichte hält durchgehend die Spannung, bis sich zum Schluss herausstellt, dass beide Männer denselben Vorfahren haben.

Gurnah schildert das Geschehen mit großer Sensibilität und enormem Einfühlungsvermögen: unvergleichlich die subtile Beschreibung der DDR aus der Studenten-Perspektive! Es ist ein Jammer, dass dieser Schriftsteller mit seinen wesentlichen Themen und dem erfindungsreichen Stil noch kein größeres Lesepublikum gefunden hat. Sogar in Tansania blieb er so gut wie unbekannt. Umso größer die Weisheit der Preisverleihung des Literaturnobelpreis für Abdulrazak Gurnah